Glauben heißt: Nichtwissen. Schirmherrschaft Homöopathie-Kongress 2016 in Bremen

Verehrte Frau Senatorin Quante-Brandt,

wir, die Unterzeichnenden bitten Sie, die von Ihnen übernommene Schirmherrschaft für den Bremer Homöopathie-Kongress abzulehnen. Gemäß altbremer Usancen gibt es hierfür 3 gute Gründe:

  1. Die Misere in der „sprechenden Medizin“ kann und darf nicht zulasten der Gesetzlich Versicherten ausgetragen werden. Wenn, bedingt durch die zu niedrige vorherrschende Versorgungsdichte, in einer Hausarztpraxis mitunter 150 Patienten pro Tag versorgt werden, bleibt für den einzelnen Patienten oftmals nur ein Zeitkorsett von wenigen Minuten übrig. Bei Bagatellerkrankungen mag dies hinnehmbar sein – für ernsthaft erkrankte Patienten, z.B. Tumorkranke, ist dies weder aus ethischen, noch aus medizinischen Gründen hinnehmbar. Tumorkranke wenden sich in ihrer Not Scharlatanen und Pseudo-Heilern zu, die die Not der Patienten ausnutzen. Durch die Niederlegung der übernommenen Schirmherrschaft schaffen Sie die einmalige Chance, eine längst überfällige Diskussion zur Verbesserung der Patienten im so wichtigen Bereich der „sprechenden Medizin“ in Gang zu setzen.

  2. Privat versicherte Patienten haben durch die Gebührenziffer Ä 34 der ärztlichen Gebührenordnung (GOÄ), Anrecht auf Erstattung einer „Beratung bei ernsthafter Erkrankung“ von 61,22 Euro. Gesetzlich Versicherten wird hingegen per Gesetz eine Beratungsleistung in Höhe von lediglich 9.- Euro zuerkannt. Die durch diese eklatante Dysbalance erzeugte Unterversorgung verursacht in der Folge auch eine fatale Fehlsteuerung im Bereich des ärztlichen Fortbildungsangebots. Empathieorientierte Ärzte werden, getrieben von wirtschaftlicher Notwendigkeit, auf das Nebengleis „Homöopathie“ gelenkt, damit ihre wertvolle ärztliche Arbeit als „Homöopathische Anamnese“ deklariert werden kann und plötzlich eine Wertschöpfungleistung in Höhe von 120.- Euro darstellt.

  3.  Aktuelle Studien und Veröffentlichungen, hier seien exemplarisch genannt: Prof. Edzard Ernst, Exeter; Prof. Norbert Schmacke, Bremen; Dr. Christian Weymayr, EssenDr. Natalie Grams, Heidelberg u.v.a. – erlauben es sowohl aus ethischen als auch aus medizinischen Gründen – nicht mehr, auf dem Boden eines fragwürdigen rechtlichen Konstruktes, Patienten mithilfe eines Glaubenssystems einer Scheinmedizin auszusetzen. Dieses gilt im besonderen Maße im hochsensiblen Bereich der medizinischen Versorgung von Schutzbefohlenen. Wie es zahlreiche Fälle aus der Kinderheilkunde belegen, kommt es durch die Anwendung von Scheinmedizin bei gleichzeitigem Unterlassen einer adäquaten und indikationsgerechten Versorgung, immer wieder zu gravierenden gesundheitlichen Folgeschäden. Dieses zu verhindern, ist die originäre Aufgabe leitender Personen im Gesundheitsbereich, in der Wissenschaft sowie im Bereich des Verbraucherschutzes.

Die Unterzeichner:

  1. Prof. Edzard Ernst, Exeter
  2. Dr. Hans-Werner Bertelsen, Bremen
  3. Dr. Natalie Grams, Heidelberg

Start der Petition: 26.1.2016

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